Evangelische Kirche im Süden Anhalts
Glaube, Liebe, Hoffnung

Jahreslosung 2022

Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.
Johannes 6.37

Andacht


Andacht zur Monatslosung Mai 2022
„Ich wünsche dir in jeder Hinsicht Wohlergehen und Gesundheit, so wie es deiner Seele wohlergeht“
(3. Johannesbrief 2)

Da saß sie! Eine kleine Frau, in einem Rollstuhl, in ihrem Zimmer in einem Altenheim. Sie saß immer nahe der breiten Balkontür, da sie so einen guten Ausblick auf das Leben „ da draußen“ hatte. Ein Leben, an dem sie nur dann und wann teilnehmen konnte, wenn jemand mit ihr, in dem Rollstuhl, Zeit für einen kurzen Spaziergang fand. Ansonsten saß sie hinter der Glasscheibe und betrachtete die Welt, wie ein Zuschauer. Sie erzählte mir, wie viele Jahre sie nun schon an den Rollstuhl gebunden war. Ohne diesen müsste sie den Tag entweder im Bett- oder in ihrem Sessel verbringen. Sie war dankbar, dass sie im Rollstuhl sich ein wenig „Bewegung“ verschaffen konnte. Sie erzählte von „früher“. Von der Zeit ihrer Jugend, ihrer Ehe. Sie erzählte von ihren Träumen und einst geheimen Wünschen, von der Sehnsucht nach Liebe, Leben und von den großen und kleinen Erfolgen und Mißerfolgen ihres Lebens. Sie war eine emsige, umtriebige Geschäftsfrau gewesen. Seit sie den Gemüseladen von ihren Eltern im Alter von 20 Jahren übernommen hatte, stand sie fast täglich hinter dem Ladentisch, war auf Märkten unterwegs, kaufte ein, verkaufte, führte ihre Geschäftsbücher. Mit 24 Jahren heiratete sie. Ihr Ehemann konnte es nicht ertragen, dass sie berufstätig, ja selbständig war. Nach nur 3 Jahren wurde die Ehe geschieden. Nach einigen Jahren lerne sie „ihren“ Olaf kennen, wie sie ihn immer nannte. Ein Techniker. Ihr zuliebe gab er seinen Beruf auf und arbeitete in dem Gemüseladen mit. Mit viel Fleiß brachten sie es zu einem kleinen Wohlstand, auch wenn Urlaub und Freizeit für sie immer ein Fremdwort blieb. Nur am Sonntag und ihre Augen begannen zu glänzen, am Sonntag war der Vormittag für den Gottesdienst reserviert. Am Nachmittag holte sie mit ihrem Olaf dann schon wieder Gurken, Tomaten u.a. von den Bauern ab. Am Montag brauchte sie ja die Ware zum Verkauf. So ging es Jahr für Jahr und sie wurde älter. Bewusst wurde es ihr erst, sagte sie, als ihr Olaf eines morgens nicht mehr aus dem Bett aufstand. Still und ruhig war er in seinem 71. Lebensjahr entschlafen. Noch ein paar Jahre führte sie ihren Gemüseladen weiter. Den Marktverkauf hatte sie nach dem Tod ihres Olaf aufgegeben. Nach einem leichten Schlaganfall kam nach 55 Berufsjahren dann ihr berufliches „Aus“. Die Geschäftsräume wurden vermietet, sie blieb in der Wohnung darüber wohnen. Sie fand alte und neue Bekannte, ja Freundinnen, in der Kirchengemeinde. Sonntags der Gottesdienst, den sie als ehrenamtliche Küsterin vor- und nachbereitete, der Bibelkreis, der Seniorenkreis, dies und das und sie war, wie sie es nannte, wie ein Pendel. Immer zwischen ihrem Zuhause und der Kirche zugange. Dann änderte sich alles! Ein Schlaganfall führte zu einer teilweisen Körperlähmung. Ohne Hilfe konnte sie nicht mehr laufen. Letzter Ausweg: der Rollstuhl. Ihre Wohnung musste sie aufgeben, das Haus verkaufen und sie zog in ein Seniorenheim. Auf dem kleinen Tisch in der Zimmermitte sah ich einige Bücher liegen. Die Bibel und Andere. Ich sah, bei meinen Besuchen eine kleine, in sich zusammengefallene Frau, im Rollstuhl sitzend, der deutlich die Belastungen vergangener Zeiten anzusehen waren. Wenn wir in den kleinen Park neben dem Heim fuhren, oder gar zu ihrem ehemaligen,nicht allzuweit entfernten Geschäftshaus, dann brachte sie in mir ihre Lebenswelt zum Leuchten. Wenn sie über ihr Leben sprach, dann war ihre Stimme so frisch wie vor 20, 30 Jahren. Ihr Verstand- messerscharf und ihr Wissen war brilliant. Ich musste so manches mal achtgeben, ihren geistlichen Gedanken folgen zu können. Sie hatte viel über das Christsein gelesen, viel darüber nachgedacht viel in der Gemeinde diskutiert, gebetet und gehört. Sie erstaunte mich immer wieder durch ihre fundierte Bibelkenntnis. In ihrem Denken und Reden war sie jung, dynamisch, forschend. Ihr Körper, die Falten in ihrem Gesicht wirkten hingegen ganz anders. Traurig oder gar wütend über ihre gesundheitlichen Zustand war sie nicht. Sie nannte es „ den Weg des Menschlichen“. Noch nie zuvor hatte ich den Unterschied zwischen „Seele und Geist“ auf der einen Seite und dem „Körperlich- Organischem“ so gravierend wahrgenommen. Einmal, als ich mich von ihr verabschiedete, tat ich das mit den Worten aus dem 3. Johannesbrief, 2. Kapitel: „ Ich wünsche Ihnen in jeder Hinsicht Wohlergehen und Gesundheit, genau so, wie es ihrer Seele wohlergeht“. Sie lächelte und bat mich: „ Kommen sie bitte wieder- ich warte auf sie“.